Monthly Archives: April 2016

A Souvenir

A quick look at a book I brought from Neerkant, now already four weeks ago. Time flies.

SAM_7044It´s called Brik Schotte, I think (there´s no title given anywhere, and it was written by Rik Vanwalleghem (yes, he´s done it again) and published in 2011 (I think) in – well, where, actually? – by Uitgeverij (Editors) Kannibaal. Strange.

But then, when you open the book, you can see that it´s not really yet another bio on Schotte, but more like a private album of this most fascinating of all cycle racers.

SAM_7045This idea strikes you when you discover that the picture on the cover is detachable, again like in a photo album. Nice, and unusual.

SAM_7046What you get is memories by Brik´s sister, scans of his diaries, a scan of the cover of his well-worn French textbook, and a picture of the surface of the moon accompanied by a recipe for Briekbrod, Briek´s bread. Ah, not the moon, but bread. Right.

The book also gives a solution as to why Schotte used both Briek and Brik as his first name: If you have to sign so many picture cards, it makes a difference if there´s one letter less. In print it´s OK to have one more.

All of course written in Flemish, a language which I really like. What´s better than the word overwinningskes to show that a series of victories wasn´t really that important.

What I definitively do not like is this:

SAM_7050Or this:

SAM_7047Namely, large pics I would have liked to savour, printed across two pages of the standard small format softcover which does have stitced binding, but only as far as the layers go. The book itself looks quite fragile,

SAM_7048and I surely do not want to crack its spine. I hate that even more than not being able to look at the pics properly.

So who are those people who make books equipped with good ideas, wonderful archive material but lacking the binding to make it fully enjoyable? They´re the people behind Merckxissimo, the book on Merckx, after which there were several to follow. Guess why they call themselves Kannibaal.

They say that they love sports and books. Founded in 2009, the firm has a very healthy catalogue taking into account the low number of years. The catalogue comprises books on cyclesport, war, car racing, football and lifestyle, to name but a few. The website also reveals the whereabouts of the uitgeverij: It´s in Veurne.

The catalogue also reveals very moderate prices, our Briek book is but €9.95, which I think is a steal, especially as I guess that only a few hundred copies can have run off the press. The lack of a hard cover is now forgiven as one can easily buy two copies: One to read, and one to save. I paid seven Euros for the (perfect) used copy, which goes to show that I assumed it cost much more new.

SAM_7049After three book reviews more or less in a row, I guess it´s about time the new season rendered some cycling posts again. I have promised myself to do more rides on my old bikes – yeah, right, as I did last year, the year before, and the one before that. But, big BUT, I´m going to scour the pages of retrokoers punt nl in a moment. I´d love to go to Holten on May 22, for example, let´s see if they haven´t got more info on this ride now. Keep your fingers crossed it´ll work out.

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Herbert Friedrich, Der Tod des Weltmeisters

SAM_7012Again here´s a review of a book which has been published in German only, so my guess is that it´s as well to write the post in German, too.

Herbert Friedrich, Der Tod des Weltmeisters. Velothek Bd. 2. Maxime-Verlag o.O., 2015. 444 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen, €24,95.

 

Es gibt schon komische Vergleiche, keine Frage, aber manchmal drängen sie sich einfach auf. Ein Buch des DDR-Autors Herbert Friedrich und ein Fahrrad vergleichen? OK. Eine klassische Rennmaschine, leicht und schnell zu lesen – Radsaison vielleicht. Mein Haupt-Objekt heute, Der Tod des Weltmeisters, würde ich eher als solide gemachtes, ehrliches, nützliches aber nicht wirklich aufregendes Hollandrad sehen. Habe ich schon erwähnt, dass ich ein großer Fan von Hollandrädern bin?

Herbert Friedrich ist heutzutage vielen Leuten wohl kein Begriff mehr, aber in der Sechzigern war er ein bekannter Autor der DDR, wurde international rezipiert. Übersetzungen von Der Tod des Weltmeisters erschienen in mehreren Sprachen (und mancherorts in Deutschland und Europa muss es leider schon wieder als mutig bezeichnet werden, die Neuausgabe veröffentlicht zu haben).

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Foto: Maxime Verlag

Man glaubt es kaum, aber bevor der Ruhm kam, musste Friedrich Der Tod des Weltmeisters als Kinderbuch unterbringen.SAM_7010In der Erstausgabe mit Der Kristall und die Messer betitelt, wurde das Buch 1971 vom Kinderbuchverlag als “Für Leser von 12 Jahren an” bezeichnet. Die sehr erwachsene Sprache und das intellektuell anspruchsvolle Thema des Romans strafen diese Einstufung von Anfang an Lügen.

Ein anderes Werk des Autors, Radsaison,

SAM_7007erschienen fünf Jahre vor Der Tod des Weltmeisters, ist ganz anders drauf: Locker weg geschrieben, teils mit feiner Ironie, für radsportbegeisterte Jugendliche auch heute noch gut geeignet. Friedrich erkennt viele Nöte von Jugendlichen und beschreibt sie spannend. Daran merkt man, wie ein echtes Kinderbuch von Friedrich aussehen kann.

Aber: Radsaison, angesiedelt zeitgenössisch zum Erscheinungsjahr, berührt auch nicht einen der wichtigsten Bestandteile des Gründungsmythos der DDR, den Antifaschismus, und da liegt m.E. der Hase im Pfeffer. Friedrich kann spannend und süffig erzählen, aber das staatstragende Thema von Der Tod des Weltmeisters scheint ihn hin und wieder zu hemmen, zumindest bis zum Wendepunkt der Geschichte.SAM_7009

Natürlich, die Geschichte. Der Protagonist Otto Pagler arbeitet sich als ehrlicher Kölner Arbeitersohn gegen viele Widerstände zum Fliegerkönig hoch, fährt internationale Erfolge ein, ist ein kaum gebrochen netter Kerl, hat fast keine Zeit für eine Freundin, arbeitet zunächst nur schwach, dann immer mehr im Widerstand mit, da er seine unerschütterlich antifaschistischen Überzeugungen zunächst lieber für sich behält, unterstützt aber durchgehend seinen jüdischen Trainer/Manager Simon Krone und wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs umgebracht, als er, der draufgängerische Sprinter, seinen politisch draufgängerischen Bruder eingeholt hat.

Moment, war da nicht was? Hört sich das nicht nach jemandem an, dessen Namen wir kennen, oder ganz sicher kennen sollten? Richtig. Albert Richter, die Ikone des antifaschistischen Radsports, Kölner, Arbeitermilieu, der deutliches Vorbild für Pagler in Friedrichs Schlüsselroman ist. Auch Richter hilft seinem jüdischen Manager, auch er wird ermordet.* Friedrich versieht diesen historischen Kern mit einer Ummantelung aus einer tragischen Liebesgeschichte und einer durchaus gelungenen Neufassung des uralten Topos vom Aufstieg, der mit Freundschaften bezahlt wird.

Friedrich lässt seine Handlung an einem Schicksalspunkt der deutschen Geschichte einsetzen, im Jahr 1932. Er erspart uns glücklicherweise die standardmäßig in Radfahrerbiografien ausgereichten frühen Jugendjahre von berühmten Radsportlern und beginnt, als Pagler den Zenith des politisch unschuldigen Teils seiner Radsport-Karriere bereits erklommen hat. Sein in-medias-res – Start packt die Leserschaft sofort, als Manager Krone Knall auf Fall einen Großempfang für seinen Schützling, den frischgebackenenWeltmeister Pagler, in seiner Heimatstadt organisiert – spannend.

Man merkt aber leider schnell, dass postmoderne Experimente Friedrichs Fall nicht sind – die Erzählweise bleibt, von wenigen flashbacks und Einspielungen historischer Zitate und Fakten abgesehen, chronologisch-traditionell und linear. Gut, auf S. 43 bspw. findet sich ein Anklang an einen Bewusstseinsstrom, aber generell versprüht der Erzählrahmen den bürgerlichen Charme des 19. Jahrhunderts.

Andererseits, und daher riecht dieses Buch nirgendwo nach Ossi-Mief,  beherrscht der Autor die positiven Seiten des klassischen Romans: Das Unheimliche an der dichten Atmosphäre des Romans ist, dass Pagler keinen wirklich fassbaren Antagonisten an die Seite gestellt bekommt. Fast jeder kann sich zum faschistischen Unhold wandeln; dieser Kunstgriff Friedrichs hat etwas Philosophisches. Auch die Verfolgungsjagd, die sich Krone und einige SA-Schergen S. 149ff. durch Köln liefern, ist gelungen. Sich abwechselnde und perfekt ergänzende Handlungsstränge, backstories, dramatische Ironie, alles passt zusammen und ergibt ein effektives Millieubild – 19. Jahrhundert eben. Das Paradebeispiel ist, dass Pagler bei einem konspirativen Treffen S. 420ff. eine Figur kennenlernt, die er nicht kennt, die Leser schon.

Die Figurenentwicklung ist ebenfalls klassisch – Paglers Wandel vom Mitläufer zum aktiven Widerständler ist handwerklich sauber und geschickt durchgeführt, und die Perspektive, die nicht durchgängig allwissend gehalten ist, erlaubt es, dass eine Nebenfigur wie Keßmeier, der langsam aber sicher als SS-Spitzel geoutet wird, durchgängig interessant bleibt. Keßmeiers Wandel vom vermeintlich väterlichen Freund Paglers bis hin zu seinem Henker ist, finde ich, das eigentlich Spannende am Figureninventar in Der Tod des Weltmeisters, das insgesamt reichlich bemessen ist für einen Roman mit nur einem Haupt- und zwei Neben-Handlungssträngen. Auf den ersten Seiten muss man sich als Leser ganz lustig konzentrieren, um nicht aus der Exposition zu fliegen. Die Sache wird den Lesern aber erleichtert durch einige typenhafte Nebenfiguren (wie Christian, Paglers Bruder), die in ihrer fast sozialistisch-realistischen Eindimensionalität die Figurenvielfalt übersichtlich halten.

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Illustration aus der Erstausgabe

Auch bei der Werkeinteilung kümmert Friedrich sich rührend um seine Leserschaft. Die Einzelteile seines solide gedrechselten Romans sind fein säuberlich numeriert, Kapitel werden mit Überschriften versehen, wenngleich mir die Bezeichnungen der “Bücher”, in die der Autor sein Werk einteilt, schon etwas großspurig daherkommt. “Das Buch Krone” – hm. Und dann stehen da solche Sätze: “Nun erzähl von dem Sturz, Junge. Du machst einem Kummer. Ich zittere schon, wenn du aufs Rad steigst.” (S.199) Begrüßt so eine Mutter ihren verletzten Radsportler-Sohn? Manches ist schon etwas hölzern.

Wenngleich das Verdienst der Verlegerin, eine vom Autor überarbeitete und liebevoll hergestellte Neuausgabe des Romans zu riskieren, nicht unterschätzt werden darf: Eine editorische Macke hat das Buch doch. Schonmal Uhrwerk Orange von Burgess gelesen und die aus dem Russischen stammende Jugendsprache in jenem Roman nicht verstanden? Ich kann mir gut vorstellen, dass Der Tod des Weltmeisters auf Leser, die nicht mit der Terminologie des Bahnrennsports vertraut sind, ähnlich unverständlich wirkt. Beispiel gefällig? “Um die Bahn fegte Kurt Nagel, hinter Samsons Schrittmachermaschine. Sie knallte ohrenbetäubend, manchmal klirrte die Rolle.” (S. 63) Hat es da einen Unfall gegeben? Muss etwas geölt werden? Ein Glossar mit ein paar Begriffserklärungen hätte der Neuauflage sicher zu weiterer Verbreitung verholfen, denn wo die ersten Drucke vor viereinhalb Jahrzehnten noch auf ein allgemeines, wenn auch abnehmendes Interesse am Bahnsport rechnen konnten, muss sich die Neuauflage sagen lassen, Kenntnisse über einen Nischensport beim Leser zur Voraussetzung des kompletten Verständnisses zu machen.

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Nein, nicht der nicht-Unfall – eine Illustration aus “Radsaison”.

Also was, insgesamt? Kaufen? Aber sicher. Niht nur, weil das Buch nach dem Wendepunkt der Haupthandlung, S. 296, richtig gut wird; ich hab´s kaum noch aus der Hand gelegt. Pagler kommt auch politisch in Fahrt, die Liebesgeschichte, die für meinen Geschmack bisher arg retardiert wurde, kommt vom Fleck.

Besonders wichtig ist m.E. aber, dass Friedrich es beim letzten Treffen Keßmeier – Pagler versteht, Keßmeier die Logik des Faschismus selbstentlarvend darstellen zu lassen. Pagler erkennt, dass die menschenverachtende Maschinerie der Nazis alles zermalmt, was sich ihr in den Weg stellt, und bezieht gerade daraus die Kraft für seinen Entschluss, im Widerstand aktiv zu werden. Da ist es doch, das glaubhafte Vorbild, von dem wir alle hoffen, es nicht erreichen zu müssen.

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*Renate Franz´ Sachbuch über Richter, Der vergessene Weltmeister, ist noch erhältlich und sehr empfehlenswert.