Herbert Friedrich, Der Tod des Weltmeisters

SAM_7012Again here´s a review of a book which has been published in German only, so my guess is that it´s as well to write the post in German, too.

Herbert Friedrich, Der Tod des Weltmeisters. Velothek Bd. 2. Maxime-Verlag o.O., 2015. 444 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen, €24,95.

 

Es gibt schon komische Vergleiche, keine Frage, aber manchmal drängen sie sich einfach auf. Ein Buch des DDR-Autors Herbert Friedrich und ein Fahrrad vergleichen? OK. Eine klassische Rennmaschine, leicht und schnell zu lesen – Radsaison vielleicht. Mein Haupt-Objekt heute, Der Tod des Weltmeisters, würde ich eher als solide gemachtes, ehrliches, nützliches aber nicht wirklich aufregendes Hollandrad sehen. Habe ich schon erwähnt, dass ich ein großer Fan von Hollandrädern bin?

Herbert Friedrich ist heutzutage vielen Leuten wohl kein Begriff mehr, aber in der Sechzigern war er ein bekannter Autor der DDR, wurde international rezipiert. Übersetzungen von Der Tod des Weltmeisters erschienen in mehreren Sprachen (und mancherorts in Deutschland und Europa muss es leider schon wieder als mutig bezeichnet werden, die Neuausgabe veröffentlicht zu haben).

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Foto: Maxime Verlag

Man glaubt es kaum, aber bevor der Ruhm kam, musste Friedrich Der Tod des Weltmeisters als Kinderbuch unterbringen.SAM_7010In der Erstausgabe mit Der Kristall und die Messer betitelt, wurde das Buch 1971 vom Kinderbuchverlag als “Für Leser von 12 Jahren an” bezeichnet. Die sehr erwachsene Sprache und das intellektuell anspruchsvolle Thema des Romans strafen diese Einstufung von Anfang an Lügen.

Ein anderes Werk des Autors, Radsaison,

SAM_7007erschienen fünf Jahre vor Der Tod des Weltmeisters, ist ganz anders drauf: Locker weg geschrieben, teils mit feiner Ironie, für radsportbegeisterte Jugendliche auch heute noch gut geeignet. Friedrich erkennt viele Nöte von Jugendlichen und beschreibt sie spannend. Daran merkt man, wie ein echtes Kinderbuch von Friedrich aussehen kann.

Aber: Radsaison, angesiedelt zeitgenössisch zum Erscheinungsjahr, berührt auch nicht einen der wichtigsten Bestandteile des Gründungsmythos der DDR, den Antifaschismus, und da liegt m.E. der Hase im Pfeffer. Friedrich kann spannend und süffig erzählen, aber das staatstragende Thema von Der Tod des Weltmeisters scheint ihn hin und wieder zu hemmen, zumindest bis zum Wendepunkt der Geschichte.SAM_7009

Natürlich, die Geschichte. Der Protagonist Otto Pagler arbeitet sich als ehrlicher Kölner Arbeitersohn gegen viele Widerstände zum Fliegerkönig hoch, fährt internationale Erfolge ein, ist ein kaum gebrochen netter Kerl, hat fast keine Zeit für eine Freundin, arbeitet zunächst nur schwach, dann immer mehr im Widerstand mit, da er seine unerschütterlich antifaschistischen Überzeugungen zunächst lieber für sich behält, unterstützt aber durchgehend seinen jüdischen Trainer/Manager Simon Krone und wird zu Beginn des Zweiten Weltkriegs umgebracht, als er, der draufgängerische Sprinter, seinen politisch draufgängerischen Bruder eingeholt hat.

Moment, war da nicht was? Hört sich das nicht nach jemandem an, dessen Namen wir kennen, oder ganz sicher kennen sollten? Richtig. Albert Richter, die Ikone des antifaschistischen Radsports, Kölner, Arbeitermilieu, der deutliches Vorbild für Pagler in Friedrichs Schlüsselroman ist. Auch Richter hilft seinem jüdischen Manager, auch er wird ermordet.* Friedrich versieht diesen historischen Kern mit einer Ummantelung aus einer tragischen Liebesgeschichte und einer durchaus gelungenen Neufassung des uralten Topos vom Aufstieg, der mit Freundschaften bezahlt wird.

Friedrich lässt seine Handlung an einem Schicksalspunkt der deutschen Geschichte einsetzen, im Jahr 1932. Er erspart uns glücklicherweise die standardmäßig in Radfahrerbiografien ausgereichten frühen Jugendjahre von berühmten Radsportlern und beginnt, als Pagler den Zenith des politisch unschuldigen Teils seiner Radsport-Karriere bereits erklommen hat. Sein in-medias-res – Start packt die Leserschaft sofort, als Manager Krone Knall auf Fall einen Großempfang für seinen Schützling, den frischgebackenenWeltmeister Pagler, in seiner Heimatstadt organisiert – spannend.

Man merkt aber leider schnell, dass postmoderne Experimente Friedrichs Fall nicht sind – die Erzählweise bleibt, von wenigen flashbacks und Einspielungen historischer Zitate und Fakten abgesehen, chronologisch-traditionell und linear. Gut, auf S. 43 bspw. findet sich ein Anklang an einen Bewusstseinsstrom, aber generell versprüht der Erzählrahmen den bürgerlichen Charme des 19. Jahrhunderts.

Andererseits, und daher riecht dieses Buch nirgendwo nach Ossi-Mief,  beherrscht der Autor die positiven Seiten des klassischen Romans: Das Unheimliche an der dichten Atmosphäre des Romans ist, dass Pagler keinen wirklich fassbaren Antagonisten an die Seite gestellt bekommt. Fast jeder kann sich zum faschistischen Unhold wandeln; dieser Kunstgriff Friedrichs hat etwas Philosophisches. Auch die Verfolgungsjagd, die sich Krone und einige SA-Schergen S. 149ff. durch Köln liefern, ist gelungen. Sich abwechselnde und perfekt ergänzende Handlungsstränge, backstories, dramatische Ironie, alles passt zusammen und ergibt ein effektives Millieubild – 19. Jahrhundert eben. Das Paradebeispiel ist, dass Pagler bei einem konspirativen Treffen S. 420ff. eine Figur kennenlernt, die er nicht kennt, die Leser schon.

Die Figurenentwicklung ist ebenfalls klassisch – Paglers Wandel vom Mitläufer zum aktiven Widerständler ist handwerklich sauber und geschickt durchgeführt, und die Perspektive, die nicht durchgängig allwissend gehalten ist, erlaubt es, dass eine Nebenfigur wie Keßmeier, der langsam aber sicher als SS-Spitzel geoutet wird, durchgängig interessant bleibt. Keßmeiers Wandel vom vermeintlich väterlichen Freund Paglers bis hin zu seinem Henker ist, finde ich, das eigentlich Spannende am Figureninventar in Der Tod des Weltmeisters, das insgesamt reichlich bemessen ist für einen Roman mit nur einem Haupt- und zwei Neben-Handlungssträngen. Auf den ersten Seiten muss man sich als Leser ganz lustig konzentrieren, um nicht aus der Exposition zu fliegen. Die Sache wird den Lesern aber erleichtert durch einige typenhafte Nebenfiguren (wie Christian, Paglers Bruder), die in ihrer fast sozialistisch-realistischen Eindimensionalität die Figurenvielfalt übersichtlich halten.

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Illustration aus der Erstausgabe

Auch bei der Werkeinteilung kümmert Friedrich sich rührend um seine Leserschaft. Die Einzelteile seines solide gedrechselten Romans sind fein säuberlich numeriert, Kapitel werden mit Überschriften versehen, wenngleich mir die Bezeichnungen der “Bücher”, in die der Autor sein Werk einteilt, schon etwas großspurig daherkommt. “Das Buch Krone” – hm. Und dann stehen da solche Sätze: “Nun erzähl von dem Sturz, Junge. Du machst einem Kummer. Ich zittere schon, wenn du aufs Rad steigst.” (S.199) Begrüßt so eine Mutter ihren verletzten Radsportler-Sohn? Manches ist schon etwas hölzern.

Wenngleich das Verdienst der Verlegerin, eine vom Autor überarbeitete und liebevoll hergestellte Neuausgabe des Romans zu riskieren, nicht unterschätzt werden darf: Eine editorische Macke hat das Buch doch. Schonmal Uhrwerk Orange von Burgess gelesen und die aus dem Russischen stammende Jugendsprache in jenem Roman nicht verstanden? Ich kann mir gut vorstellen, dass Der Tod des Weltmeisters auf Leser, die nicht mit der Terminologie des Bahnrennsports vertraut sind, ähnlich unverständlich wirkt. Beispiel gefällig? “Um die Bahn fegte Kurt Nagel, hinter Samsons Schrittmachermaschine. Sie knallte ohrenbetäubend, manchmal klirrte die Rolle.” (S. 63) Hat es da einen Unfall gegeben? Muss etwas geölt werden? Ein Glossar mit ein paar Begriffserklärungen hätte der Neuauflage sicher zu weiterer Verbreitung verholfen, denn wo die ersten Drucke vor viereinhalb Jahrzehnten noch auf ein allgemeines, wenn auch abnehmendes Interesse am Bahnsport rechnen konnten, muss sich die Neuauflage sagen lassen, Kenntnisse über einen Nischensport beim Leser zur Voraussetzung des kompletten Verständnisses zu machen.

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Nein, nicht der nicht-Unfall – eine Illustration aus “Radsaison”.

Also was, insgesamt? Kaufen? Aber sicher. Niht nur, weil das Buch nach dem Wendepunkt der Haupthandlung, S. 296, richtig gut wird; ich hab´s kaum noch aus der Hand gelegt. Pagler kommt auch politisch in Fahrt, die Liebesgeschichte, die für meinen Geschmack bisher arg retardiert wurde, kommt vom Fleck.

Besonders wichtig ist m.E. aber, dass Friedrich es beim letzten Treffen Keßmeier – Pagler versteht, Keßmeier die Logik des Faschismus selbstentlarvend darstellen zu lassen. Pagler erkennt, dass die menschenverachtende Maschinerie der Nazis alles zermalmt, was sich ihr in den Weg stellt, und bezieht gerade daraus die Kraft für seinen Entschluss, im Widerstand aktiv zu werden. Da ist es doch, das glaubhafte Vorbild, von dem wir alle hoffen, es nicht erreichen zu müssen.

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*Renate Franz´ Sachbuch über Richter, Der vergessene Weltmeister, ist noch erhältlich und sehr empfehlenswert.

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