Monthly Archives: April 2015

Stabile Hochdruckzone

978-3-931965-54-9

As the book I´m reviewing in this post is a German translation from a French original, it makes little sense to write it up in English, I think

Ich geb´s zu, ich bin ja auch einer von denen, die diese ganze Fahrradsache oft echt ernst nehmen; geknechtete Radfahrer, Klimarettung, Critical Mass. Und Stahlrahmen erst, guter Himmel. Es ist dann ganz lustig, unser Thema auch mal von einer komplett anderen Warte betrachten zu können, und diese Warte stellt sich sofort ein, wenn man den ersten Band der Velothek aus dem Maxime-Verlag aufschlägt.

Vorher schon, eigentlich, denn ein Büchlein, das hübsch sein will, hat man heutzutage nicht oft in der Hand, mit Fadenheftung, Feinleinen-Einband, Lesebändchen und vielen Illustrationen im Text, die sorgfältigen Satz benötigen.

Diese Ausstattung entspricht aber gut dem Obere-10.000-und-Belle-Epoque-Gefühl, das einen schon auf der ersten Seite der Novelle anspringt. Wir treffen die vier Protagonisten der Handlung, Pascal und Régine Fauvières sowie Guillaume und Madeleine d´Arjols, im Jahre 1897 in der Nähe von Paris. Genau, Vorabendserie, Soap Opera, stimmt. Die Namen verraten es sofort, und so geht es auch weiter. Die vier (die Damen sind zur Zeit der Handlung dem Mädchenpensionat noch nicht allzu lang entkommen) bilden zwei Paare, die schon nach kurzer Ehe frustriert sind. Sie stillen im Club nach ganzen drei Kilometern Radfahren im Bois de Boulogne den Bärenhunger, den eine solche Anstrengung nunmal verursacht, nachdem die die livrierten Diener ihre Räder wegstellen ließen.

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Die Herren, wie der Autor, sind Experten der Radtechnik, was in manchen etwas didaktisiert wirkenden Dialogen ausführlich bewiesen wird, obwohl, Ehrenrettung, die Unmittelbarkeit der Darstellung der Vorzüge des Fahrrads auf den Seiten 42 und 53 die Begeisterung des Autors fürs Radfahren plastisch widerspiegelt und aus heutiger Sicht einen guten Eindruck von der damalig revolutionären Bedeutung des Fahrrads gibt.

Richtig, der Autor – Maurice Leblanc. Was muss man über ihn wissen? Une Femme (frustrierte Frau), einige Jahre früher, noch etwas Kurzprosa (frustrierte Frauen), dazu journalistisches Alltagsgeschäft der 1890er, und, natürlich, ab dem frühen 20. Jhdt., Arsène Lupin, das französische Äquivalent zu Sherlock Holmes, nur auf der anderen Seite des Handschellenschlüssels. Französische Literatur-Nationalikone. Leblancs frühe Werke erleben zur Zeit in Frankreich eine Renaissance, so erschien Nun wachsen uns Flügel vor knapp drei Jahren im Verlag Éditions Le Pas de coté neu.

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Auch Literatur-Nationalhelden haben mal klein angefangen, mit Fingerübungen, und um sowas handelt es sich bei Nun wachsen uns Flügel. Auf dem Schutzumschlag als amouröser Roman angekündigt, entpuppt sich das Buch als Novelle (ein Handlungsstrang, kurz, unerhörtes Ereignis) ohne unerhörtes Ereignis. Selbst im ausgehenden 19. Jhdt. gab es schon deutlich amourösere Bücher, in denen auch intellektuell was los war. Aber die hatten natürlich nicht viel mit Fahrrädern zu tun, meistens, und deshalb ist dieses kleine Büchlein interessant, obwohl überhaupt nichts mit irgendwas passiert, (Zola gab´s schon!), noch nicht mal gute Schreibe, außer den Liebesqualen wirklich spät pubertierender RadfahrerInnen. Erfolgloser Jungautor sucht verkäufliches Thema: Obere 10.000, Fahrräder als neue, faszinierende Technik, nackte Oberkörper, das steckt dahinter.

Die beiden frustrierten Ehepaare, die sich um Geld in keiner Weise kümmern müssen, beschließen, mit ihren Rädern die Normandie zu bereisen. Sie sind auf dieser Luxusreise völlig mit sich selbst beschäftigt, unter flüchtiger Wahrnehmung der vorbeihuschenden Umwelt in Form von Sehenswürdigkeiten, und abends wartet das Gepäck im Hotel. Leblanc baut dazu einen leider holprigen Spannungsbogen auf, in dem auf S. 57 schon Leben als umgekrempelt dargestellt werden, aber es noch weitere 50 Seiten dauert, bis dass ein “Doppelgipfel Ziel und Grund [eines] wollüstigen Spaziergangs” wird. Blümchensex ist Hardcore dagegen. Zum Quietschen, wenn man´s mag, und nicht nur aus heutiger Sicht.

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Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Éditions Le Pas de coté (lepasdecote.fr/?p=37)

 

Die Vorhersehbarkeit der Handlung ist das nächste, das einen bei der Lektüre je nach Geschmack vergnügt oder genervt in irgendwas zurücksinken lässt, das gerade zur Hand ist. XX und YY fahren los, XY und YX kommen an. Nun gut. Aber ein kleines retardierendes Moment wär doch nicht zu viel gefordert gewesen, oder? Irgendwas unterwegs, das irgendjemanden ins Schwitzen gebracht hätte? Etwas außer dem stabilen Hochdruckwetter, das nur bei einem kleinen Knatsch zwischen den Neuverliebten von neoromantischem Regen unterbrochen wird? Ein klitzekleines Crime zum fast nicht vorhandenen Sex?

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Wirklich unbeholfen wirkt die Charakterisierung einer der Hauptfiguren. “Doch wie war er wirklich? Die widersprüchlichen Vorstellungen, zu denen man im Umgang mit ihm gelangen konnte, hätten nur zu einer recht verworrenen Einschätzung geführt” (S. 13f). Das bleibt auch so. Aber es ist gar nicht so schlimm – wenn man sich einmal auf das Buch einlässt. Auch die zahlreichen abgedroschenen Topoi des galanten Romans (Guillaume d´Arjols als frustrierter Lebemann, der seine Frau vernachlässigt…) kann man diesem Buch verzeihen. Sogar der knüppelweiche Kitsch, der unweigerlich bei Frauenbeschreibungen eintritt (“… erschien sie in einem weißen Wolltrikot über dem Oberkörper, das ihre junge Brust hervortreten ließ und dem Beben ihres Leibes nachgab” (S. 56)), macht nicht viel aus. Den Lesern bleibt zwar auch nicht erspart, dass Leblanc den uralten Schönheitenkatalog (volle Lippen, Harmonie von Hüfte… und was war´s noch gleich?) ausgräbt und bei der Ausgrabung böse beschädigt. Egal. Sogar die ungewollte Komik, die sich einstellt, als der Erzähler es als bedeutsames Ereignis klassifiziert, dass Pascal seiner neuen Liebe dieselbe gesteht (S. 80), geht durch.

Denn: Die Illustrationen, entnommen aus der Originalausgabe, sind wirklich der Traum, wenn man Jugendstil liebt. Jugendstil, das Aufbegehren gegen die akademisierte, historistische Kunst des 19. Jhdts, gegen Kitsch und Schnörkel. Der Illustrator Lucien Métivet, der Meister der Karikatur, der Satire, des Humors – er rettet das Buch mit seiner Ironie. Die mega-süßlichen Darstellungen der Protagonistinnen; der weibliche Zephir, der das Fahrrad stilisiert mit Rückenwind antreibt – das kann nicht ernst gemeint sein. Wenn auf S. 68 der Vergleich mit den Statuen beansprucht wird (“He, hört mal, Ihr sehr aus wie drei Statuen… Sie, Guillaume, wie die des wohlerzogenen Begehrens… du, Pascal, wie die des anhaltenden Grimms…”), kommt Métivet prompt mit einem Bild rüber, das die Beschriebenen zeigt wie Porzellanfiguren auf einem Sockel. Das ist köstlich und erzeugt eine ironische Spannung zum Text, die das ganze Buch genießenswert macht.

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Überhaupt die verschwenderische Fülle der Illustrationen, manche sogar zweifarbig, ganz in Métivets Plakat-Übung. Die von den Protagonisten erradelten und von Métivet gezeichneten Sehenswürdigkeiten allein sind es wert, das Buch zu betrachten. Jedes Kapitel erhält zudem eine Schmuckinitiale, die die Handlung zusammenfasst und deren Großbuchstaben die deutschen Herausgeber sorgsam angepasst haben.

Das kultur- und literaturhistorische Nachwort von Elmar Schenkel überbrückt die zeitlichen und kulturellen Entfernungen, die zwischen Buch und heutigen Lesern liegen, sehr informativ. Ich empfehle es vor der Novelle zu lesen.

Wenn Ihr also mal Lust habt zu entspannen, Euch nicht für die Weltrettung zu bilden, aber doch was mit Fahrrad zu lesen – Nun wachsen uns Flügel ist Euer Ding.

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Maurice Leblanc, Nun wachsen uns Flügel, Maxime-Verlag 2015, Reihe Velothek, 157 Seiten, aus dem Französischen von Una Pfau und Matthias Kielwein, mit einem Nachwort von Elmar Schenkel, zahlreiche Ill. von Lucien Métivet, Hardcover, ISBN 978-3-931965-54-9, Preis 19,95€.

Anmerkung: Ich bin Autor des Maxime-Verlags und habe ein Rezensionsexemplar des besprochenen Werks erhalten.

Métivet-Illustrationen mit freundlicher Genehmigung des Maxime-Verlags.

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Spring Haul 2: Is This What I Think It Is?

I swapped this

ADfullframe the other day for a couple of vinyl records. The frame has been re-painted quite badly, not only destroying any transfers, but the frame was painted with the chainset on so that the r/h side of it has hardly any paint in the b/b area. Strange.

The only readily visible clue as to its provenience is on the seatcluster:

ADseatclDoes this mean Austro-Daimler? Perhaps even the legendary Vent Noir? The bike pictured on classicrendezvous has the same type seatstay top. It also is chromed, and as the dropout ends on my bike both fore and aft have chrome, I do hope that a paintstrip will reveal acres of chrome on my frame, too.

ADreardoADfrontdoADforkcrAnd the fork crown is plated, too; forgot. So there´s more hope.

The frame is very lightweight, being constructed of Reynolds 531. True, there´s no transfer left, but the fork shows clearly what we´re talking about:

ADR4 ADR3 ADR2 ADR1This imprint is to be seen right around the fork stem, and nice and clear, too, unless sometimes when you can hardly make it out. So let´s assume that the rest of the frame is Reynolds, too. And of course there´s hope for more info when the paint is stripped.

More details:

ADforktang

ADcableeyeseatstay ADbrakebr ADbbThe cable guides on the b/b date the frame to roughly 1970s, I´d say.

A view into the b/b shell shows medium clean work. Also it looks a bit bright for braze in the decisive places – has this bike been silver soldered?

ADbbinnerview

What I find most fascinating, however, is the headlug treatment. Paper thin is actually too thick in places.

ADseatlADlwrheadlVery nice.

Spring Haul I: Montague Folding Frame

This is the first post in a series of three or so resulting from a chance visit to a spring cleaning cycle shop. Besides free saddles, brifters and what have you there were three items purporting to be bicycles to be had for a song, and here´s the first.

I´ve never had one of these before – and, honestly, I hope that I´ll never have the displeasure again. It´s one of those things which have great promise, but where economics dictated that not only corners were cut but whole miles of winding road. To be fair, it was not possible for me to try the machine out as this

Montfullis all that was left of it when I got it.

Whence but the funny angle protruding under and in front of the bottom bracket would my first look go upon beholding the bike? The keen eye of the triple Thanet Silverlight owner (one SL sold long ago) was soon placated, however, but for the first split second I did think I had struck it rich.

Right, what´s so funny about a Montague? The basic idea (shared with a number of folding bike constructions) is that you can have full sized wheels, and that you don´t have to split the chain, or wrap it up with the help of weird and wonderful contraptions: On the Montague, it just stays where it is.

You just open three Q/R handles, clearly marked as “OPEN” for those who really don´t know what a Q/R is,

MontQRopenthen you pull up a safety locking device,

Montlockyou carefully start something which feels like destroying the frame if you´re unused to a Montague,

Montfoldand a few seconds later the whole thing collapses on the floor in a giggling heap. Or was it me giggling?

MontfoldtwoMontheapThe front wheel comes off to reduce the size of the heap,

Montlawyerafter you have tricked another safety device. You thought that lawyer lips are bad? Ha.

And then the front mudguard also comes off. It is held in place by three real, honest to God Tenax fasteners, just like the ones on your MG T or any other oldworldly soft top car.

Montfrontdo

MontTenaxoffMontfrontmudgtenax

I have not yet found out what this Tenax part facing rear on the seat tube is for. Actually, it looks more like a Tecalemit oil port, but this makes even less sense. Or does it?

Montdownt

MontbblowerIf you should feel inclined to unfold the bike, these little blocks, held at a precise distance by a grub screw, see to it that the frame literally clicks back into position. That´s great.

So far, so good. Now for the miles of winding road.

MontcarrierShall we start with this strip of metal holding the carrier rack to the brake bridge? Or what about the really heavy, welded steel tube construction? Or with the plastic grip shifts? Or the useless bottle type dynamo? Or the cheapest rims available? Or the cheapo steel handlebars/extension combo? You could go on endlessly.

You then add the fact that hamfisted doesn´t begin to describe the first owner (all cables were wrapped around the handlebar, for instance) who used acres of sticky tape, miles of additional lighting cables and routed gear cables really adventurously, so that the only recourse to be taken was the wire cutter.

Montcableshbar Montcables

My hope is that there was (or is, the Cambridge, MA firm is still trading) a real Montague for sale in the US, and this contraption was just produced for the German market which back in 1994 (I found several date marks on the bike) was ruled by price alone.

This then is all that´s left of a good idea.

Montframefolded

 

The Season of 1953

One of my finds in this year´s Neerkant fleamarket was this bound 1953 volume of the Dutch cycle racing paper

WielesrpfullI snapped it up for a tenner, thinking myself lucky until getting to go through it more closely and finding that someone, hopefully a long time ago, had torn out numerous pages, but there´s still a lot left that´s unusual and interesting.

The book is quite big, 29 x 23 x 3 cms, so my scanner is too small for it and I had to take photos. Hopefully the quality is still palatable.

WSWevoOf course one finds a large number of advertisements. This one unites four legends.

WSStephiThis one, Stephi, is interesting because there was a Stephi bike in Neerkant this year, I think I´ve got the headbadge in my post.

WSSmitRenners zijn kenners – racing men are experts. True, but Julius Smit was one, too.

WSRIHRIH called themselves het rijwiel der Kampioenen – the cycle of champions. Looking at the impressive list of successes, one might agree.

WSRadiumTunulars – which are the best ones? Radium thought they had the answer, but they couldn´t imagine that the dispute would rage on to this day.

WSracesOf course cycling clubs advertised their races – and there were loads of them.

WSBrooksIt seems that even in the day it was little known that Brooks saddles were in vier breedtes verkrijgbaar – available in four widths.

WSGerkinetNow what´s this? There must have been a maker of all sorts of cycle products in Belgium of which I have never heard before – J. & H. Gerkinet in Herstal. And look at the fantastic design of the products. A quick look at the internet shows that they also made motorcycles under the name of Geco, and had been supplying the motor industry for decades when this ad was published. Anyone who can shed more light on this firm?

WSNieuwenhOne very tasty looking bike – helas in a very small pic. Did they make their own frames?

Not only bike firms – there was a major sponsor of cycle racing in the watch trade, too. Ets. A. Kinsbergen S.A., Bussels, were a long established trading house dealing in Swiss watches of good quality, produced by some of the many Swiss private label watch factories under the Pontiac brand. There is one ad to be found on the net which shows a crashed cycle racer with his Pontiac watch still working: “En Pontiac kan tegen een stootje“, a Pontiac doesn´t mind a bump. The racer is looking definitively distressed, but never mind: His watch is a) still working, and b) if it weren´t it would be insured for two years against loss, theft and accidents. Great idea, that.

WSPverzekerd

Insured for two years (bottom photo) against loss – theft – accidents

WSPkerstf

A wonderful Pontiac sports watch is a useful (X-Mas) present

WSPverzekhochk WSPverschDolf Verschueren says that his Pontiac´s nice. Mine isn´t any more, but it has three stars (as from the sixties, one to four stars would denote quality and price points) and a definite relation to cycling:

https://starostneradost.wordpress.com/2012/10/23/on-the-day/

On a sombre note, the horrible news also had to be spread:

WSTvL18-year-old racer Tonny van Loen died in hospital on November 1, 1953, after a cycle accident. He had repaired his derailleur, wanted to take his bike for a trial run, and never returned.

Of course there are dozens of racing photos. Here are some to drool over:

WSvierkant WSvanVliet WSvanEstWSTdFWSgangmaker WSFtpgjan WSCoppi WSCopdeRiWSN9

WSN7 WSN5 WSN4 WSN3 WSN2

So where to get the following year´s volume from?